Was macht ihr gerade?
Das Facebook-Experiment
Bei Facebook können wir herausfinden, wie die Freundinnen unserer Ex-Freunde aussehen, oder uns eine virtuelle Tortenschlacht liefern. Dabei vergessen wir oft, was um uns herum passiert. PRINZ-Autorin Aileen Tiedemann ist bei ihren Nachbarn vorstellig geworden, um sich ein Netzwerk im eigenen Haus aufzubauen - mit Facebook-Methoden.
"Gerade in Großstädten gibt es weite Zonen, in denen das Prinzip der Nachbarschaftlichkeit tot ist", sagt Janosch Schobin vom Hamburger Institut für Sozialforschung. "Vielen Menschen fehlt ein Repertoire an spielerischen Möglichkeiten im Umgang mit Unbekannten, weil es für viele Alltagssituationen keine einfachen Übergangsriten mehr gibt, die einen vom Fremden zum Bekannten machen. Ein Online-Netzwerk bietet uns ein vorgefertigtes Protokoll, das uns vom Lampenfieber der Erstbegegnung befreit." Facebook reduziere das Problem mangelnder kommunikativer Fertigkeiten, weil die Körpersprache online komplett wegfallen würde, sagt der Wissenschaftler. "So gekonnt, wie wir uns in Netzwerken darstellen, begegnen wir niemandem auf der Straße."
200 Millionen Mitglieder hat Facebook weltweit. Wäre die Internetplattform ein Land, würden hier mehr Menschen leben als in Brasilien. Sie alle folgen dem Slogan: "Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit ihnen zu teilen." Im Klartext: Immer mehr Menschen sitzen allein vor dem Computer, statt sich zu verabreden. Unsere Sehnsucht nach Kontakt zu anderen hat den 26-jährigen Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg zum jüngsten Selfmade-Millionär der Welt gemacht. Was man bei Facebook von sich preisgibt, dient der Werbewirtschaft als gigantische Datenbank über die Vorlieben der Mitglieder, sodass sie diese gezielt mit maßgeschneiderten Anzeigen bombardieren kann.
Facebook passt zu unserer stark individualisierten Welt, in der jeder sein eigenes Ding machen will, aber trotzdem Kontakt zu seinen Mitmenschen sucht. "Wir können uns verbunden fühlen, ohne gebunden zu sein", erklärt Maria Angerer vom Trendbüro in Hamburg. Was Netzwerke nicht abbilden, ist der graue Alltag. Wer lädt schon Bilder von sich hoch, auf denen er allein auf dem Sofa sitzt? Langsam reift auch unter den größten Facebook-Fans die Erkenntnis, dass man ein erfülltes Offline-Leben braucht, um ein interessantes Facebook-Profil zu haben. "Wir beobachten eine wachsende Sehnsucht nach ,echten' sozialen Erlebnissen", sagt Maria Angerer. "Über das Netzwerk werden Konzerte in Wohnungen oder ganze Festivals organisiert. Man kann die Online- und Offlinesphäre nicht mehr voneinander getrennt sehen." 1985 habe ein Mensch in Deutschland durchschnittlich sechs enge Freunde und 35 Bekannte gehabt, heute sei die Anzahl der Bekanntschaften mit 150 förmlich explodiert. Viele davon liegen im Facebook-Account brach, was Burger King in den USA bereits für Werbezwecke ausgenutzt hat. Motto der äußerst erfolgreichen Aktion: "Opfere zehn Freunde für einen Whopper".
So viel sind uns unsere Facebookfreunde also wirklich wert. In meinem Haus hingegen weiß ich jetzt, wo ich klingeln kann, wenn ich mir ein Buch leihen möchte, Salz zum Kochen brauche oder ein Feierabendbier trinken möchte. Ich habe nicht mehr das Gefühl, hier nur zu wohnen, sondern zu Hause zu sein.
Aileen Tiedemann








